Was Marketer von Basel lernen können
Cezanne-Ausstellung in Basel - Beflaggung Mittlere Brücke © GB
Basel war für mich lange vor allem ein Ort, an dem ich vorbeifuhr. Auf dem Weg in die Schweiz oder nach Frankreich lag die Stadt an der Strecke, ohne selbst das Ziel zu sein. Erst über Pfingsten nahm ich mir bewusst Zeit für Basel. Anlass war die Cezanne-Ausstellung im Museum Fondation Beyeler. Dazu kamen ein Spaziergang durch die Altstadt, der Besuch des Münsters und der Blick über den Rhein. Dabei stellte sich mir eine Frage: Warum wirkt Basel trotz seiner vergleichsweise geringen Größe so bedeutend?
Mit rund 180.000 Einwohnern gehört Basel nicht zu den großen europäischen Metropolen. Trotzdem kennt man die Stadt weltweit. Sie ist Heimat der Art Basel, eines der bedeutendsten Kunstereignisse der Welt, Sitz internationaler Pharmakonzerne und ein führender Wissenschafts- und Kongressstandort. Noch bemerkenswerter ist jedoch etwas anderes: Basel scheint sich nicht besonders anzustrengen, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Vielleicht liegt genau darin das Interessante an Basel.
Sichtbarkeit wird oft mit Markenstärke verwechselt
Wer heute Marketingverantwortliche nach ihren Herausforderungen fragt, hört häufig ähnliche Antworten: mehr Reichweite, mehr Sichtbarkeit, mehr Aufmerksamkeit. Dahinter steckt die Annahme, dass starke Marken möglichst oft präsent sein müssen. Doch Basel scheint das Gegenteil zu beweisen.
Im Vergleich zu Städten wie Berlin, Barcelona oder Amsterdam spielt Basel im öffentlichen Diskurs eine erstaunlich leise Rolle. Die Stadt produziert keine spektakulären Schlagzeilen, dominiert keine Social-Media-Trends und taucht vergleichsweise selten in touristischen Rankings auf. Trotzdem besitzt Basel weltweit einen exzellenten Ruf. Vielleicht liegt darin ein Denkfehler vieler Markenstrategien. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie oft über eine Marke gesprochen wird. Entscheidend ist, von wem über sie gesprochen wird.
Basel konzentriert sich auf wenige starke Themen
Viele Unternehmen versuchen heute, möglichst viele Zielgruppen mit möglichst vielen Botschaften anzusprechen. Das Ergebnis sind häufig austauschbare Positionierungen.
Basel verfolgt einen anderen Ansatz. Die Standortstrategie des Kantons Basel-Stadt konzentriert sich seit Jahren auf wenige Kernstärken: Wissenschaft, Innovation, Kultur, Internationalität und Lebensqualität. Diese Schwerpunkte werden konsequent kommuniziert und durch reale Leistungen untermauert. Die offizielle Standortvermarktung beschreibt Basel als internationalen Standort für Wirtschaft, Forschung und Kultur.
Für Marketer liegt darin eine wichtige Erkenntnis. Starke Marken entstehen nicht dadurch, dass sie ständig neue Themen besetzen. Sie entstehen dadurch, dass sie ihre glaubwürdigsten Stärken konsequent ausbauen.
Relevanz schlägt Reichweite
Ein besonders interessantes Beispiel ist die Art Basel. Die 1970 gegründete Kunstmesse entwickelte sich laut den Veranstaltern zur weltweit führenden Messe für moderne und zeitgenössische Kunst. Heute findet sie nicht nur in Basel statt, sondern auch in Miami Beach, Hongkong und Paris; ab 2027 kommt mit Doha ein weiterer Standort hinzu. Trotz dieser internationalen Expansion trägt die Messe bis heute den Namen ihrer Ursprungsstadt. Die Marke „Art Basel“ besitzt weltweit enorme Strahlkraft – nicht zuletzt, weil die Veranstaltung für ihre Zielgruppe eine außergewöhnlich hohe Relevanz hat.
Dasselbe Prinzip findet sich auch bei erfolgreichen B2B-Unternehmen. Ein Maschinenbauer, ein Softwareanbieter oder ein Spezialchemieunternehmen muss nicht jedem bekannt sein. Entscheidend ist, dass die relevanten Kunden, Partner und Talente die Marke kennen und ihr vertrauen.
Das Dreiländereck als unsichtbarer Wettbewerbsvorteil
Besonders deutlich wurde mir dies beim Blick vom Münster auf den Rhein. Dort zeigt sich eine weitere Besonderheit Basels. Die Stadt endet nicht an ihren politischen Grenzen. Deutschland und Frankreich liegen nur wenige Minuten entfernt.
Basel profitiert von einer Lage, die kaum eine andere europäische Stadt in dieser Form besitzt. Im Dreiländereck treffen drei Volkswirtschaften, drei Kulturräume und drei Arbeitsmärkte aufeinander.
Diese Offenheit prägt auch die Marke Basel. Die Region versteht sich nicht nur als Schweizer Standort, sondern als grenzüberschreitender Wirtschafts- und Wissensraum. Nach Angaben von Basel Area arbeiten Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich eng zusammen. Fachkräfte pendeln täglich über Grenzen hinweg. Innovationsprojekte entstehen länderübergreifend. Internationale Unternehmen betrachten die Region als einen gemeinsamen Standort. Für Besucher ist diese Vernetzung kaum sichtbar. Für die wirtschaftliche Stärke Basels ist sie jedoch entscheidend. Starke Marken entstehen selten isoliert. Sie werden Teil eines Ökosystems aus Kunden, Partnern, Communities und Multiplikatoren. Die Marke gewinnt dadurch an Bedeutung, weil sie in ein größeres Netzwerk eingebettet ist.
Glaubwürdigkeit entsteht durch Substanz
Besonders auffällig ist, dass Basel seine Markenversprechen belegen kann. Die Region zählt laut Basel Area zu den bedeutendsten Life-Sciences-Clustern Europas. Mehr als 800 Unternehmen, rund 1.000 Forschungsgruppen und über 33.000 Fachkräfte bilden ein eng vernetztes Ökosystem aus Pharma, Biotechnologie und Medizintechnik. Mit Roche und Novartis haben zudem zwei der weltweit größten Pharmakonzerne ihren Hauptsitz in Basel.
Ähnlich verhält es sich im Kulturbereich. Das Kunstmuseum Basel gilt als älteste öffentliche Kunstsammlung der Welt. Die Fondation Beyeler gehört zu den renommiertesten Museen Europas. Die Art Basel zieht jedes Jahr Sammler, Galeristen und Kunstinteressierte aus aller Welt an.
Innovation, Wissenschaft und Kultur sind hier keine Marketingbegriffe. Sie sind Teil der Realität. Vielleicht wirkt Basel deshalb so glaubwürdig.
Die stärksten Marken müssen nicht laut sein
Während meines Besuchs wurde mir klar, warum Basel trotz seiner Zurückhaltung so präsent wirkt. Die Stadt versucht nicht, Aufmerksamkeit zu erzwingen. Sie konzentriert sich darauf, in ausgewählten Bereichen außergewöhnlich gut zu sein.
Kunst, Wissenschaft, Pharma, Kongresse und internationale Vernetzung bilden gemeinsam ein Profil, das weltweit wahrgenommen wird. Nicht weil Basel ständig darüber spricht, sondern weil andere darüber sprechen.
In einer Zeit, in der immer mehr Content produziert wird und immer mehr Marken um Aufmerksamkeit konkurrieren, könnte die entscheidende Frage nicht lauten: Wie werden wir sichtbarer? Sondern: Wie werden wir relevanter? Basel scheint darauf bereits eine überzeugende Antwort gefunden zu haben.
Quellen
Standortstrategie Basel-Stadt: https://www.bs.ch
Basel Area Business & Innovation: https://www.baselarea.swiss
Art Basel: https://www.artbasel.com
Kunstmuseum Basel: https://kunstmuseumbasel.ch
Fondation Beyeler: https://www.fondationbeyeler.ch